
Ein Tag mit Berufskraftfahrerin Jantje Wulf
Mit Leidenschaft dabei: Jantje Wulf, Berufskraftfahrerin bei der L.I.T. Cargo GmbH, fĂŒhlt sich in ihrem mĂ€nnerdominierten Beruf mehr als wohl.
Jantje Wulf gehört zu einer neuen Generation von Lkw-Fahrerinnen: jung, selbstbewusst und bestens vertraut mit digitaler Technik â und dennoch voller tĂ€glicher Herausforderungen. Wir haben sie einen Tag lang begleitet und dabei feststellen duÌrfen, wie modern und vielfĂ€ltig ihr Beruf inzwischen ist.
Brake, 10:15 Uhr. Ein dumpfes Klacken hallt uÌber das GelĂ€nde der L.I.T. Cargo GmbH in Brake, als Jantje Wulf die FahrertuÌr ihres Lkw öffnet. Nach einer verregneten Nacht sind die StraĂen noch nass, die Luft ist frisch. Eine leichte Brise weht, wĂ€hrend sich die Sonne langsam durch die Wolken kĂ€mpft â ein kuÌhler Sommermorgen in Norddeutschland. Jantje Wulf streift sich die Handschuhe uÌber und zieht pruÌfend an der Plane des Aufliegers. Der heutige Auftrag: StoĂfĂ€nger fuÌr einen groĂen deutschen Automobilhersteller von Rehau in Brake bis nach Bremen liefern.
»Die Plane aufzukriegen ist manchmal echt ein Kraftakt«, sagt Jantje und stemmt sich mit dem ganzen Körper gegen das GestĂ€nge. Ihre HĂ€nde rutschen kurz ab, ein Ruck geht durch ihren Körper. »Gerade als Frau merkt man da schon: Der Job fordert körperlich.« Doch sie bleibt ruhig, fast routiniert. »Wennâs nicht klappt, ist eigentlich immer jemand da, der hilft â zum Beispiel mit einem kleinen Trick, den man nur unter Fahrern kennt.«
Silikonspray gegen Muskelkraft
Jantje grinst und holt eine kleine SpruÌhdose aus dem Seitenfach. »Damit funktioniert es einfach besser. Bei den LuftanschluÌssen zum Beispiel.« Sie meint die Verbindung zwischen Lkw und Auflieger. Eine Stelle, an der sich schon manch gestandener Fahrer abgekĂ€mpft hat. Die Plane ist geöffnet, der Auflieger bereit. Auf dem WerksgelĂ€nde von Rehau wartet bereits ein Gabelstapler. Neun Hubs, 36 StoĂfĂ€nger â prĂ€zise verstaut und gesichert. Danach verschwindet Jantje kurz im BuÌrogebĂ€ude, kommt wenig spĂ€ter mit einem Stapel Frachtpapiere zuruÌck. »Da steht die Borderonummer drauf«, erklĂ€rt sie und tippt die achtstellige Zahlenfolge flink ins Tablet. Die App »Truck« zeigt ihre heutige Tour. Ein QR-Code erscheint. »Den brauch ich spĂ€ter am Werkstor in Bremen. Ohne den komm ich nicht rein.«
Neben dem digitalen Ablauf gibt es aber auch noch Papierkram: Ein handschriftlicher Zettel aus dem L.I.T.-BuÌro mit Kennzeichen, Fracht, EmpfĂ€nger. Infos fuÌr die Kollegen vor Ort. »Wird dort auch nochmal eingescannt«, sagt sie, fast beilĂ€ufig, wĂ€hrend sie die Fahrerkabine hochklettert.
Auch wenn der Job sie körperlich manchmal an ihre Grenzen bringt, weià Jantje, dass immer jemand da ist.

Zuhause auf dem Asphalt: Zwischen Stadtverkehr, Autobahn und Kuhwiese fuÌhlt sich Jantje erst so richtig wohl.
Musik an, Welt aus.
66 Kilometer liegen vor ihr, entlang der B212 in Richtung Bremen. Die Sonne strahlt am Morgenhimmel, als Miley Cyrus aus den Lautsprechern erklingt. »I can buy myself flowers« heiĂt der Song. Jantje dreht den Regler etwas auf und ihre Finger wippen auf dem Lenkrad im Takt. Irgendwie passt der Text sehr gut zu der selbstbewussten 20-jĂ€hrigen, die sehr eigenstĂ€ndig durch das Leben geht â besser gesagt: fĂ€hrt.
Es ist diese Mischung aus Freiheit und Verantwortung, die Jantje an ihrem Beruf liebt. Ganz alleine am Steuer eines tonnenschweren Fahrzeugs. »Ich habe das Steuer in der Hand â im wahrsten Sinne.« Dabei war der Weg hierher eigentlich nicht geplant. Bei einer Berufsinformationsmesse wollte sie sich urspruÌnglich fuÌr eine kaufmĂ€nnische Ausbildung informieren. »Und dann saĂ ich plötzlich im FuÌhrerhaus des L.I.T.-Azubi-Trucks.« Der Funke sprang uÌber. Ihre Eltern? ZunĂ€chst uÌberrascht. »Aber sie haben mich direkt unterstuÌtzt.«
Highlight auf Schrittgeschwindigkeit
Im RuÌckspiegel verschwinden die letzten HĂ€user von Brake. WĂ€hrend der Fahrt erzĂ€hlt Jantje von einem besonderen Erlebnis: »Direkt nach dem FuÌhrerschein durfte ich den Lkw beim Kramermarkt-Umzug in Oldenburg fahren. Mit Schrittgeschwindigkeit durch die ganze Menschenmenge.« Eine Freundin durfte sie dabei begleiten. »Das war der Wahnsinn! Eine echte WertschĂ€tzung.« Der Kramermarkt-Umzug ist Teil eines traditionellen Volksfests in Oldenburg â Ă€hnlich dem Oktoberfest in natuÌrlich viel kleiner und regionaler. Mehrere Vereine, Unternehmen und Schausteller ziehen mit bunt geschmuÌckten Wagen durch die Innenstadt. FuÌr viele ein Höhepunkt im Herbst â fuÌr Jantje ein beruflicher Meilenstein.
Bremen, Ankunft.
Am Werkstor des groĂen deutschen Automobilherstellers hĂ€lt Jantje ihr Tablet vor den Scanner. Es piept, die Schranke hebt sich. Wenige Minuten spĂ€ter steht sie neben dem Auflieger, löst die Planenspanner und danach die Ăbertotpunktspanner. Das sind die unteren Schnallen, die besonders festsitzen. Dann zieht sie die Plane nach hinten, faltet sie sorgfĂ€ltig, gibt den Staplern mehr Raum. »Jetzt noch das Dach hochpumpen.« An der Vorder- und RuÌckseite greift sie zur Kurbel und pumpt das Dach nach oben. In der Mitte hĂ€ngt es leicht durch. Jantje greift zur Runge, einem langen Metallstab, und stuÌtzt das Dach auf. Sie entlĂ€dt den voll bepackten Lkw mit ihrem Stapler und stellt die verpackten StoĂdĂ€mpfer auf die ProduktionsstraĂe.
Jantje atmet tief durch, der stressigste Part ist geschafft. Ihr Lkw wieder leer und bereit fuÌr die RuÌckfahrt. Leere Gestelle gehen zuruÌck nach Brake. Ein weiterer Rundlauf wartet. »Aber das stört mich nicht. Ich liebe es, unterwegs zu sein.« Mit einem LĂ€cheln blickt sie uÌber das GelĂ€nde, bevor sie wieder in ihr FuÌhrerhaus klettert. Ein neuer Song lĂ€uft an. Der nĂ€chste Abschnitt auf der StraĂe gehört ganz ihr.
Jantje Wulf uÌber die Freiheit und Verantwortung, die sie in ihrer tĂ€glichen Arbeit verspuÌrt.

Kaum ist die Ware entladen, freut sich Jantje Wulf schon auf die nĂ€chste Tour â fuÌr sie eine echte Leidenschaft.
